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Die Geschichte des Wing Tsjun


Entstehung – Die Legende des Bodhidharma

Um kaum eine Entstehungsgeschichte ranken sich so viele Mythen und Legenden, wie um die des Wing-Tsjun-Stiles.

Tatsache ist, dass es aufgrund fehlender wissenschaftlicher Belege bisher unmöglich war, die zu jener Zeit tatsächlich beteiligten Personen definitiv zu benennen und ihre Bedeutung für die Entwicklung der Kampfkunst zuzuordnen.

Schauen wir uns die Geschichte der in China gewachsenen Kampfkünste einmal in einem größeren Zusammenhang an, so gilt als heutiger Urahn sämtlicher chinesischer Kampf- und Kriegskünste und als Gründer des chinesischen Zen-Buddhismus, der indische Mönch Bodhidharma (440-528), dem ebenfalls die Gründung des „Siu Lam Kung-Fu“ (Shaolin-Kung-Fu) zugeschrieben wird.

Der in Kanchpuram geborene und in der Kampfkunst „Kuttu Varisai“ ausgebildete Mönch, verließ 480 n. Chr. sein Land und wanderte durch China, bis er sich im Jahre 523 im nördlichen China in der Provinz Henan niederließ.

Dort befand sich auch das berühmte nördliche Shaolin-Kloster, in welchem er sich seinen Studien widmete und die Keimzelle einiger chinesischer Kampfkünste legte, wobei dieser Einfluss bis heute nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte.

Mythos und Wahrheit – Die Zerstörung des Klosters

Einer der populäreren Legenden zufolge, entstand der Wing-Tsjun-Stil im Gegensatz zur Wirkstätte des Bodhidharma in einem südlichen Shaolin-Kloster, welches im Gegensatz zum oben erwähnten nördlichen Kloster heute nicht mehr existiert.

Dieser Legende zur Folge, lebte während der Qing-Dynastie (1662-1722) eine Nonne namens Ng Mui in jenem Kloster.

Ng Mui war eine Meisterin verschiedener Kampfkünste und auf der Suche nach einem Stil, mit dessen Hilfe gerade Frauen, die während des ausgebrochenen Bürgerkrieges häufig Opfer von Vergewaltigungen und Misshandlungen wurden, in der Lage wären, sich gegen die physisch meist überlegenen Männer zur Wehr zu setzen.

Auch suchte sie nach einem Weg, um die zu dieser Zeit sehr starke und weit verbreitete Shaolin-Kampfkunst der Mönche zu besiegen.

Diese Mönche erfreuten sich in der Qing-Dynastie einer derartigen Berühmtheit, dass der damalige Kaiser Kangxi Sorgen um seinen Einfluss hatte und sich zu der Entscheidung durchrang, das südliche Shaolin-Kloster niederzubrennen und seine Bewohner zu töten.

Durch den Widerstand der Mönche misslang dieser Plan allerdings.

Die Legende führt weiterhin an, dass ein Beamter namens Chan Man Wai sich einen Namen verschaffen wollte und einen Plan schmiedete, für den er sich u. a. mit Ma Ning Yee verschwor, welcher das Kloster von innen heraus in Brand setzte. Bei diesem Anschlag kamen die meisten Klosterbewohner ums Leben. Die buddhistische Meisterin Ng Mui, der Abt des Klosters Meister Chi Sim mit den meisten Schülern, Meister Pak Mei, Meister Fung To Tak und Meister Miu Hin aber konnten entkommen. Sie waren die Führer der fünf Shaolin-Stile und wurden auch die „Fünf Älteren“ genannt.

Die Authentizität dieser Überlieferung ist umstritten. Kangxi war wohl eher ein Unterstützer zumindest des nördlichen Shaolin-Klosters, wie eine über dessen Eingang angebrachte Kalligraphie noch heute belegt.

Die Nonne und ihre Schülerin

Nach der Zerstörung des Klosters trennten sich die Überlebenden, um der Regierung leichter zu entkommen. So nahm Meister Chi Sim eine Tarnidentität als Koch auf einer „Roten Dschunke“ an. Als „Rote Dschunken“ wurden Transportschiffe einer Operntruppe bezeichnet, die üblicherweise mit roter Farbe gestrichen und bunten Fahnen geschmückt waren.

Die Nonne Ng Mui dagegen ließ sich im „Tempel des weißen Kranichs“ am Tai Leung Berg nieder, wo sie sich der Kampfkunst widmen konnte.

Am Marktplatz eines nahen Dorfes lernte Ng Mui ein junges Mädchen namens Yim Wing Tsjun und deren Vater Yim Lee kennen, welche dort Tofu verkauften. Die beiden waren aus ihrer Heimat in der Provinz Kwantung geflüchtet, da Yim Lee in eine Gerichtssache verwickelt war (man sagt, unschuldig), die ihn das Leben hätte kosten können. Die resultierenden Schwierigkeiten zwangen ihn, seine Heimat zu verlassen und sich am Tai Leung Berg niederzulassen. Der Legende nach hat die Kampfkunst dem Mädchen Yim Wing Tsjun seinen Namen zu verdanken.

Die heranwachsende Yim Wing Tsjun zog den im Ort als einen notorischen Schläger bekannten Wong derart an, dass dieser um ihre Hand anhielt. Doch sie war schon als kleines Kind dem Salzhändler Leung Bok Chau aus Fujian, versprochen worden. Wong schickte einen Boten, setzte Yim Wing Tsjun eine Frist und drohte, Gewalt anzuwenden, falls sie sich ihm verweigerte. Vater und Tochter lebten von nun an in großer Sorge, da niemand im Dorf Wong - als Kampfkünstler berüchtigt und als Mitglied einer Geheimgesellschaft gefürchtet - gewachsen war.

Ng Mui erkannte als regelmäßige Kundin Yim Lees, dass die Beiden von Sorgen gequält wurden. Schließlich erzählte Yim Lee von Wong. Ng Mui beschloss, Yim Wing Tsjun zu helfen, wollte den Bösewicht aber nicht selbst bestrafen, da sie ihre Tarnidentität nicht aufgeben wollte und ein Kampf zwischen ihr, der Meisterin aus dem Shaolin-Kloster, und einem Dorfschläger unfair und ruhmlos gewesen wäre. Deshalb brachte sie Yim Wing Tsjun ihre neue Kampfkunst bei. Nach nur drei Jahren Privatunterricht hatte diese das neue Kampfsystem gemeistert. Ng Mui schickte sie nach der Ausbildung im Tempel des weißen Kranichs zurück zu ihrem Vater. Sofort wurde Yim Wing Tsjun wieder von Wong bedrängt, doch dieses Mal forderte sie ihn zum Kampf auf. Der Rowdy war sich seines Sieges sicher, sollte sich aber getäuscht haben, denn Yim Wing Tsjun schlug ihn zu Boden.

Yim Wing Tsjun verfolgte weiterhin ihr Training bei Meisterin Ng Mui und heiratete später Leung Bok Chau. In den folgenden Jahren, nutzte Yim Wing Tsjun die Prinzipien ihrer Kampfkunst, um diese zu verfeinern und zu vereinfachen.

Daher kommt es also dazu, dass obwohl Ng Mui als die Gründerin der Kampfkunst in die Geschichte einging, Yim Wing Tsjun zur Namensgeberin wurde, dank ihrer Verbesserungen.

Nach signifikanter Weiterentwicklung des Stiles, unterwies Yim Wing Tsjun ihren Gatten im Umgang mit der Kampfkunst. Leung Bok Chau hatte bereits Erfahrung in diversen anderen Stilen sammeln können, sodass ihm das Lernen des neuen Stiles relativ leicht fiel. Beeindruckt vom Wissen und Können seiner Gattin, studierte er den Stil unablässig und lernte ihn verhältnismäßig schnell.

Leung Bok Chau gab den Stil an seinen Onkel Leung Lan Kwai weiter. Leider gibt es kaum nachprüfbare Beweise für die Rolle, die Leung Lan Kwai für die Entwicklung des Stiles spielte.

In manchen Überlieferungen ist von ihm als reicher Gelehrter aus Guangzhou die Rede, andere Quellen bezeichnen ihn als Osteopath, der entweder aus der Region Foshan oder Zhaoqing stammte.

Leung Lan Kwai brachte die Kampfkunst auf die Theaterschiffe und war entweder Teil der Operntruppe, oder mit mehreren Schauspielern befreundet. Leider wird er darüber hinaus – zumindest jenseits von Fabeln und Mythen - kaum erwähnt, was die Authentifizierung seiner Existenz erschwert.

Der Legende nach begann Leung Lan Kwai die Herren Wong Wah Bo und Leung Yee Tai in der Lehre des Wing Tsjun zu unterweisen, doch tatsächlich blieb Leung Bok Chau ihr hauptsächlicher Lehrer.

Wong Wah Bo arbeitete unter anderem als Ruderer an Bord von Opernschiffen. Ihm wird nachgesagt, sehr muskulös und kräftig gewesen zu sein. Des weiteren war Wong dafür zuständig, das Schiff mit Hilfe eines langen Stockes vom Ufer abzustoßen. Dieser „Langstock“ wurde von ihm ebenfalls zum Studium des Kämpfens benutzt.

Auf den durch ihren roten Anstrich als "Rote Dschunken" bekannten Theaterschiffen traf Wong Wah Bo den  Schauspieler Leung Yee Tai, der ebenfalls Mitglied der Operntruppe war und als Mann des Öfteren auch weibliche Rollen spielte.

Leung war fasziniert von den Langstockkünsten seines Kollegen Wong, welcher wiederum Begeisterung für das Wing-Tsjun-Können Leung´s zeigte. Es kam zu einem Wissensaustausch zwischen den beiden. Wong Wah Bo brachte Leung Yee Tai die „Lok Dim Poon Kwun“ (Sechs und ein halber Punkt Langstocktechniken) bei und Leung Yee Tai unterwies Wong Wah Bo im Gegenzug in der „Bart Cham Dao“ (Acht Wege der schneidenden Schmetterlingsmesser), sowie in der Kunst des waffenlosen Kämpfens.

Gemeinsam arbeiteten sie an der Weiterentwicklung des Stiles und modifizierten die Langstocktechniken, indem sie diese den intelligenten Wing-Tsjun-Prinzipien unterwarfen und sie damit um ein Vielfaches effizienter machten.

Während dieser sogenannten „Roten-Dschunken-Jahre“ wurde der Stil also durch Waffen ergänzt. Mit dem nächsten Herrn, der Wing Tsjun von beiden Opernmitgliedern erlernte, verließ der die Theaterschiffe und kam wieder aufs Festland.

Doktor Leung Jan (1826-1901) war ein Kräuterarzt und Apotheker, der es verstand, sowohl die harten als auch die weichen Elemente des Wing Tsjun zu ergänzen und harmonisch zusammen zu führen. Er begann in den 1840er Jahren, Wing Tsjun von den Mitgliedern der Operntruppe zu lernen. Am meisten verbreitet ist die Annahme, dass Leung Jan für einige Zeit auf den Roten Dschunken aushalf und während dieser Zeit von Leung Yee Tai in Wing Tsjun unterwiesen wurde. Dieses dürfte sich zwischen 1840 und 1850 abgespielt haben.

Nach dem Tod seines Vaters, kehrte Leung Jan in dessen Apotheke zurück, um diese weiter zu führen.

Dennoch führte er sein Wing-Tsjun-Studium weiter und nun wurde er ebenfalls neben Leung Yee Tai von Wong Wah Bo unterrichtet. Manche Quellen berichten, dass es sich zu dieser Zeit zutrug, dass er in Gemeinschaftsarbeit mit seinem zweiten Lehrer Wong Wah Bo die drei waffenlosen Handformen entwickelte, welche maßgeblich der Weitergabe des Stiles dienen sollten.

Leung Jan vediente sich den Titel „Wing Tsjun Kung Fu Wong“ oder „König des Wing Tsjun Kung Fu“ durch den Sieg über 300 Herausforderer. Ebenfalls war er der erste, der Kämpfer vieler verschiedener Kampfstile mit seinen Wing-Tsjun-Methoden bezwang.

Chan Wa Shun, auch genannt Wah der Geldwechsler (ca. 1836-1909) ist der nächste für die Stammbaumreihe wichtige Persönlichkeit. Er war Schüler Dr. Leung Jans und den meisten heute bekannt als Lehrer von Yip Man, welcher wiederum Kampfkunst-Legende Bruce Lee unterrichtete.

Chan betrieb unweit von Leung Jan´s Apotheke eine Wechselstube. Durch das damit verbundene tägliche Tragen vieler Münzen, entwickelte er über die Jahre große Kraft.

Er hatte bereits einige Erfahrung im Umgang mit Kampfkünsten, bevor er mit Wing Tsjun in Berührung kam.

Zu dieser Zeit unterrichtete Leung Jan bereits einige wenige Privatschüler, so z.B. seine Söhne Leung Chun und Leung Bik und den sogenannten „Holzmann Wah“.

Chan Wa Shun erlernte nicht nur die Kamfkunst von seinem Si-Fu Leung Jan, sondern ebenso die Kunst des Heilens. Und so schloss er nach einigen Jahren des Studiums seine Wechselstube und eröffnete eine Klinik.


Großmeister Yip Man

Yip Man (1893-1972) war der letzte Schüler, den Chan Wa Shun im Alter von 70 Jahren noch akzeptierte. Nach seinem Tod drei Jahre später, übernahm Chan´s Schüler Ng Chung Sok den Unterricht des jungen Yip.

Während seiner Zeit als Anglistik-Student an der St. Steven´s Catholic School in Hong Kong, traf Yip Man Leung Bik, einen der Söhne Leung Jan´s. Über dieses Treffen ranken sich diverse Legenden. In der populärsten heisst es, dass Leung sich vorerst nicht als Sohn des berühmten Kräuterarztes zu erkennen gab, Yip jedoch im Kampf besiegte, woraufhin dieser ihn um Unterricht bat, welches ihm gewährt wurde.

Nach seiner Ausbildung in Hong Kong kehrte Yip Man nach China zurück, wo er als Polizeibeamter arbeitete und andere Polizisten im Nahkampf trainierte.

Während dieser Zeit tötete er jemanden während seines Dienstes und aus Angst vor Vergeltung des regierenden kommunistischen Regimes, floh er zurück nach Hong Kong, wo er als Wing-Tsjun-Lehrer begann, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Durch seinen alten Freund, den Hung Sang Choi Lay Fut-Lehrer Chung Choui erhielt er einen Trainingsraum und dort traf er auf Leung Sheung (1918-1978), der Schüler Chung Choui´s war. Leung Sheung forderte Yip Man zum freundschaftlichen Zweikampf heraus und wurde von diesem besiegt. Daraufhin bat er darum, Yip´s erster Schüler werden zu dürfen, welchem dieser zustimmte. Leung Sheung stelte Yip seine Bekannten Lok Yiu und Tsui Sheung Tin vor und diese drei wurden Yip Man´s erste Wing-Tsjun-Klasse in Hong Kong.

Über die Jahre hatte Yip Man eine Menge Schüler, die sich in genaueren Zahlen heute nicht mehr erfassen lässt. Der berühmteste unter ihnen ist wohl der Schauspieler Bruce Lee / Lee Jun Fu (1940-1973), der im Alter von 18 Jahren Hong Kong verließ, um in den USA als Schauspieler weltweit Karriere zu machen.


Sifu Böhlig mit den GM Leung Ting und Kernspecht

Leung Ting (1947-heute) wurde als letzter Schüler Yip Man´s bekannt. Angeblich soll er vorher bereits Unterricht von Leung Sheung erhalten haben, welches dieser jedoch im Rahmen einer Pressekonferenz widerrief. Leung Ting begann bereits im Alter von 13 Jahren mit Wing Tsjun. Sein Wing Tsjun unterscheidet sich auch heute noch stark von dem der anderen Yip Man Schüler. Dieses mag darauf zurückzuführen sein, dass Leung erst seinen Unterricht von Yip erhielt, als dieser bereits alt und von Krankheit geschwächt war und daher nicht mehr in der Lage war, Techniken mit Kraft einzusetzen und daher auf Weichheit und Geschmeidigkeit in der Anwendung setzen musste. Doch wie vieles in diesem Zusammenhang, ist auch dieses Spekulation.

Leung Ting ist Vorsitzender der IWTA (International Wing Tsun Association), dem derzeit größten WT-Verband und lebt in Hong Kong.


Sifu Böhlig mit GM Kernspecht

Der deutsche Keith Ronald Kernspecht (1949-heute) gilt als höchster Schüler Leung Ting´s und als dessen Vertreter in Europa. Kernspecht ist maßgeblich an der Verbreitung des WT-Systems in der Welt beteiligt und leitet den europäischen Arm der IWTA in Deutschland. Sein Verband EWTO betreibt europaweit viele Schulen und hatte zu Höchstzeiten sein Hauptquartier auf Schloss Langenzell in Wiesenbach bei Heidelberg.

Keith Ronald Kernspecht war der erste Si-Fu Thommy Luke Böhlig´s. Von 1991-2005 trainierte Böhlig innerhalb der EWTO, wurde zum 4. Lehrergrad graduiert und selber zum Sifu und Nationaltrainer für Schottland ernannt. Böhlig vollendete unter Kernspecht das waffenlose WT-System und trainierte im Langstock-Programm.


Sifu Böhlig mit Sigung Allan Fong

Allan Wai Fong / Fong Wai Hung (1951-heute) war Schüler Leung Ting´s in Hong Kong. In den 80er Jahren verliess er Hong Kong als 6. Meistergrad und zog in die USA. Dort kam es zur Trennung von der IWTA und Fong unternahm diverse Versuche, seine eigene Schule aufzubauen.

2005 schloss er sich mit Thommy Luke Böhlig zusammen. Gemeinsam gründeten sie den Verband Wing Tsjun International. Böhlig lernte von ihm die Doppelmesser und erhielt von ihm Informationen zum waffenlosen Wing Tsjun. Gemeinsam führten sie den Verband, bis Fong Böhlig 2006 zum Dai-Sifu ernannte und ihn damit unabhängig machte.

Thommy Luke Böhlig ist der derzeitige Leiter der Wing Tsjun International und Gründer der Boehlig Defense Systems. Eine ausführliche Biographie erhalten Sie unter BDS - Der Verband.

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